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PORTRÄT Peter Pfister studierte zwanzig Semester
Ethnologie, wurde Fotograf und blieb doch Erforscher.
34 Jahre arbeitete er für die AZ. Jetzt veröffentlicht
er sein erstes Buch.
Kevin Brühlmann
Wir erzählen uns Geschichten, um zu leben,
und einer der witzigsten Geschichtenerzähler
heisst Peter Pfister. Die meisten nennen ihn
einfach Peps.
Während 34 Jahren arbeitete er als Fotograf
für die Schaffhauser AZ. Von 1988 bis im
August dieses Jahres, als er in Pension ging.
Wenn man ihm bei der Arbeit zusah, wie er
seine Kamera in die Tasche packte, wie er sich
vergewisserte, beide Brillen dabeizuhaben,
diejenige für die Nähe im kleinen schwarzen
Etui, damit er später die Focus kontrollieren
konnte, und diejenige für die Ferne auf der
Nase, dann zum Bahnhof eilte, mit kurzen,
festen Schritten, immer knapp dran, aber nie
zu spät, wie er gut gelaunt bei einem Interview
oder einer Pressekonferenz auftauchte,
die Leute mit Vornamen grüsste und lachte,
ein lachen wie ein Bergbach, wie er dann am
liebsten aus der Hüfte Bilder schoss, spontane,
unwiederbringlich verlorene Situationen
festhielt, bei denen ein Foto eine ganze
Karriere erzählen konnte, und wie Peps später vor
seinem Computer sass und die Bilder durchsah
und neben dem Ordner mit den geeigneten
Fotos oft auch noch einen mit abstrusen
und komischen anlegte - wenn man Peps'
Schwung in all den Jahren sah, konnte man
glauben, er habe gerade erst angefangen, bei
der Zeitung zu arbeiten.
Wir Jüngeren auf der Redaktion ärgerten
uns manchmal über seine spontanen Fotografien.
Wir wünschten uns mehr Inszenierung,
mehr Einmischung ins Bild, ein bisschen mehr
Kalkül, vielleicht auch eine ruhigere Ästhetik
oder zumindest irgendeine Form von Konzept.
Aber nicht selten legte uns Peps dann einen
Schnappschuss vor, der einen Artikel kaum
besser hätte illustrieren können (und, um ehrlich
zu sein, dem Text erst den richtigen Sinn
gab) oder uns derart zum Lachen brachte, dass
der Ärger verflog.
Einmal schickte man ihn zur Wahl der
«Miss Schaffhausen». Anstatt die Kandidatinnen
zu fotografieren, wie das alle anderen taten,
kletterte Peps hinter die Bühne, richtete
seine Kamera durch die Beine der Frauen direkt
auf die Jury, die in der ersten Reihe sass
und mehrheitlich aus Männern bestand. Als er
abdrückte, fing er ihre unruhigen Blicke ein.
Und Redaktorin Bea Hauser bewertete die
Jury anstelle der Frauen.
«Lass die Dinge passieren», sagt Peps.
«Dann passiert am meisten.» Er steht vor dem
Herd in seiner Küche und bereitet Spaghetti
Bolognese fürs Mittagessen vor. Es ist warm,
am Morgen hat er ein paar Scheite im Holzofen
angezündet. Durch ein Fenster blickt man
auf Äcker, die sich unter dem grauen Oktoberhimmel
erstrecken. Seit über zwanzig Jahren
lebe Peps in dieser Wohnung, die sich im ersten
Stock eines mit Reben und Efeu überwachsenen
Bauernhauses am Rande des Schaffhauser
Quartiers Buchthalen befindet.
Auf dem Namensschild der Türklingel
stehe «AUSSER BETRIEB». Im Büro, an der
Wand über dem Schreibtisch, hängen ausgeschnittene
Zeitungsartikel, kurze Meldungen
aus den Randspalten, die man für gewöhnlich
übersieht: «Mit dem Rollstuhl über die
Autobahn», «Zahnarzt geht mit Armattrappe
zur Corona-lmpfung», «Räuber stehlen
Hundehaufen» oder «Kängurus voll Opium
ranzen wild im Kreis herum». Auf der Terrasse
verstecken sich Bronzeskulpturen zwischen
Tomaten und Chilischoten, als seien sie
Pflanzenhirte.
«Nichts, was ich mache, hat ein Konzept,
das siehst du ja auch an meinem Buch», sage
Peps und deutet auf einen Fotoband, der auf
dem Küchentisch liegt. Darin hat er ungefähr
achtzig Bilder aus den Jemen zwanzig Jahren
gesammelt, Merkwürdiges und Schräges aus
dem Alltag eines Pressefotografen, versehen
mit einem kurzen Text dazu. Das Buch trägt den
Titel «Flausen» und erscheint Ende Oktober.
Die ehemalige AZ-Redaktorin Romina Loliva
schreibt im Vorwort: «Flausen wirken übrigens
ansteckend. Keiner konnte meinen Blick für das
zufällig Irrwitzige mehr schärfen als Peter Pfister.
Ich wette mit lhnen, am Ende dieses Buches
ist es auch um Sie geschehen.»
Reise nach Bangladesch
Der Philosoph Walter Benjamin entwickelte
vor bald hundert Jahren die Idee des «optisch
Unbewussten». Die Kamera enthülle demnach
vermeintlich Verborgenes, Verschlossenes, so
wie Freuds Psychoanalyse das Unbewusste enthüllt.
Dass dies Peps gelingt, oft auf eine absurde
Weise, mag damit zusammenhängen, dass er
zwanzig Semester Ethnologie studiert hat.
In dieser Wissenschaft gehe es darum, das
Zusammenleben von Menschen begreifbar zu
machen, und das komme dem, was Peps tut,
ziemlich nahe.
Er war in einer Familie aufgewachsen, die
an die Träume des Mittelstandes glaubte und
an die monatliche Hypothek fürs Haus in Beringen.
Seine Mutter war Sozialarbeiterin. Nach
der Geburt von Peps, dem ältesten von drei Kindern,
arbeitete sie als Hausfrau. Sein Vater führte
eine Zahnarztpraxis in der Schaffhauser Altstadt
und war Präsident des Kunstvereins.
Mit einigen Freunden hatte Peps den
Fococlub Guguus Beringen gegründet. Die
Teenager richteten ein Fotolabor in einem
baufälligen Haus ein, das ihnen die Gemeinde
überliess. Weil der Boden voller Löcher war,
legten sie Bretter darüber, aber das kümmerte
sie nicht, denn das Haus bedeutete Freiheit
in dieser Zeit des goldenen Wirtschaftswachstums,
und den Superkids jener Generation,
die nur Nach-Vorne-Nach-Oben kannten, erschien
nichts zäh angesichts der immerwährenden
Gewinnausschüttung, und sie konnten
die Mahnungen der Alten, wonach es eine
zähe Moral brauche, nicht verstehen.
1977 schloss Peps - zwanzig Jahre alt - die
Kantonsschule in Schaffhausen ab. Von den 94
Maturandinnen und Maturanden studierten
viele Medizin oder Jus, aber Peps entschied
sich für Ethnologie.
«Das Leben, das wir hier in Europa leben,
ist nicht überall so. Es gibt auch ganz andere
Konzepte, die funktionieren», sagt Peps.
Während des Studiums reiste er viel. Für
den Schweizerischen Studentenreisedienst
organisierte er alternative Touren. Etwa durch
Jemen, Ägypten, Russland oder Indien, und
immer brachte er seine Leute zurück, selbst
wenn sie einen Horrortrip schoben und in
ihrem Wahn ihr ganzes Hab und Gut in den
Ganges geworfen und einen Eisenbahnwaggon
demoliert hatten, und alles nur, weil sie
sich wegen ein bisschen Kiffen für Jesus Christus
hielten.
1979 flog Peps nach Dhaka, die Hauptstadt
von Bangladesch. Von dort aus reiste er
Richtung Norden, immer weiter durch grüne
Baumlandschaften, bis er schliesslich in ein
winziges Dorf namens Sainamari kam. Es befand
sich im Gebiet der Garo, eines Volks, das
daran glaubte, dass alles um sie herum, die
Tiere, die Steine, die Bäume, eine Seele besitzen,
eines Volks, deren Abstammungsregel
sich nach der Mutter richtete und das gern
ausschweifende, ein Tag und eine Nacht andauernde
Beerdigungsfeste feierte. Dann aber
tauchten Männer mit Bibeln auf, katholische
und evangelikale Missionare. Sie sagten, sie
würden die Garo beschützen, denn das Volk
war von Muslimen umgeben.
Peps lebte ein halbes Jahr bei einer Garo-
Familie in Sainamari. In der Schweiz hatte
er Bengali gelernt. Nun betrieb er Feldforschung,
sprach mit den Garo aus dem Dorf
und dokumentierte ihr Leben. «Ich wollte
herausfinden, wie verheerend sich die christliche
Mission auf die Garo auswirkte», sagt
Peps. «Es war furchtbar mitanzusehen, wie die
Missionare mit ihren Benimmvorschriften
die indigene Gesellschaft auseinanderrissen.
Den Garo wurde praktisch ihre Kultur, ihre
Geschichte ausgetrieben. Aber ich schaffte es
irgendwie nicht», Peps zuckt entschuldigend
mit den Schultern, «ich kam mir doof vor, so
wissenschaftlich zu tun, die Garo als Objekte
zu betrachten, und darum wurde nichts aus
meiner Studie.
Der Fall Briner
Wie sich das Studium in die Länge zog, was
auch nicht gratis war. stiess Peps auf ein Inserat
in der AZ: Fotograf gesucht. Als er die Redaktion
aufsuchte, um seine Bewerbung abzugeben,
traf er auf Hans-Jürg Fehr, den damaligen
Chefredaktor.
«Ah, wir kennen uns ja vom Rhein», sagte
Fehr. Wie Peps war er oft mit dem Stachelweidling
auf dem Fluss unterwegs. Peps gab seine
Bewerbung ab, und kurze Zeit später hatte er
den Job (Hans-Jürg Fehr mag sich nicht mehr
genau an diese Unterhaltung erinnern, sagt
aber, sie hätten jemand Jüngeres gewollt). Das
war 1988.
«Peps trat frisch auf und selbstbewusst»,
sagt Eric Bührer, der während fast sechzig Jahren
für die Schaffhauser Nachrichten fotografierte.
«Bei Pressekonferenzen drang er nach vorne,
er hatte eine gewisse Unverfrorenheit, kam
immer gleich mit den Leuten ins Gespräch.
Das beeindruckte mich. Ich musste mir dafür
stets einen Schupf geben. Ich war viel schüchterner,
obschon ich zwanzig Jahre älter bin.
Seine Schnappschüsse habe ich immer bewundert.
Die Fotos beinhalteten immer etwas
Ironie.»
Das Ethnologiestudium gab Peps irgendwann
auf. Aber ein genauer Beobachter
und Erforscher des Zusammenlebens ist er
geblieben.
Als dem Kanton in den Neunzigerjahren
das Geld ausging, weil die Industriekonzerne,
die den Superkids von damals eine Gewinnschwemme
gebracht hatten, ihre Fabriken
schlossen, war die Politik ratlos. Jahr für Jahr
schrieb man rote Zahlen. Die Region verlor
an Bedeutung. Peps vereinbarte einen Termin
mit Peter Briner, seinerzeit Finanzdirektor, ein
eher zurückhaltender Mann der freisinnigen
Partei, vormals Direktor einer Textilfirma, der
nie ohne Krawatte auftrat und gern Pfeife
rauchte. Peps bat den Finanzdirektor, die Hosentaschen
nach aussen zu kehren, als Zeichen
dafür, keinen Rappen zu besitzen. Der Finanzdirektor
machte ein ratloses Gesicht und tat
wie geheissen. Das Foto erschien in der AZ:
Neben dem Finanzdirektor ist ein aufgedeckter
Tisch zu sehen, als habe er sich nur kurz
erhoben, um sich die Hände zu waschen. Es
gibt wahrscheinlich kein anderes Bild, das die
wirtschaftliche Desillusion und Tragik jener
Jahre direkter erzählt.
Bei den Schaffhauser Nachrichten, wo man
der Macht, vor allem wenn sie freisinnig war,
ziemlich nahe stand, war man empört. Sowas
mache man doch nicht!
«Ich habe kein Geheimnis, um die Leute
dorthin zu bringen, wo ich sie haben will»,
sagt Peps. «Du musst nett zu ihnen sein und
respektvoll. Du darfst sie nicht blossstellen
- auch wenn das manchmal lustig gewesen
wäre.»
Nun räumt Peps die Spaghettiteller in
die Spüle und den Parmigiano in den Kühlschrank.
Er will sich noch etwas die Beine
vertreten, ziehe eine Jacke an, es nieselt leicht,
und spaziert durch Buchthalen, vorbei an Häusern,
die wie Festungen aussehen, bewacht von
Hunden und Rasenmährobotern.
Aha, sagt Peps und deutet auf einen
Strauch, dem der Herbst schon die Blätter abgerungen
hat. Hier entstand das Titelbild seines
Fotobuchs: Im Frühling spazierte eine Katze
durch den Garten, und als ihr Kopf hinter
den rosaroten Blüten des Strauchs verschwand,
drückte Peps den Auslöser. Plötzlich entwickelte
sich die Katze zu einem merkwürdigen
kleinen Vorgartenungeheuer.
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